Dienstag, 21.01.2020, der Goldene Tempel von Amritsar am Abend.

Von Delhi nach Amritsar fahren wir, wie bereits erwähnt mit der Bahn. Unser Zug benötigt für die knapp 500 Kilometer lange Strecke fast 7 Stunden. Wir hätten auch das Flugzeug nehmen können, aber wir wollten das Erlebnis Bahnfahren in Indien einfach einmal ausprobieren.


Dieser CC (Coach Car) Waggon ist noch relativ neu und sieht daher recht passabel aus. Als wir Platz nehmen erleben wir eine Überraschung. Mein Sitznachbar spricht hervorragend deutsch. Er heißt Ajit, stammt aus dem Punjab, im  Norden Indiens,  wohnt und arbeitet seit über 20 Jahren in Berlin. Jetzt ist er auf dem Weg zu seiner Familie. Zum Besuch des allerhöchsten Sikh Heiligtums, nämlich dem Goldenen Tempel, legt er in Amritsar einen Zwischenstopp ein. Wir unterhalten uns angeregt und so wird die Bahnfahrt nicht langweilig. 


Die Versorgung der Fahrgäste ist ähnlich wie im Flugzeug. Am Sitzplatz werden Tee, Wasser, Gebäck, später auch eine komplette warme Mahlzeit serviert. 


Am frühen Nachmittag erreicht unser Zug den Zielbahnhof Amritsar Junction. Zu unserer Unterkunft, Hotel Amritsar Grand,  nehmen wir eine Fahrradrikscha. Wie sich später herausstellt können wir für dieses Hotel eine klare  Empfehlung aussprechen. Es ist sauber und besitzt ein gutes Restaurant. Zudem ist die Lage hervorragend. Der Goldene Tempel, die Attraktion Amritsar's ist zu fuß  in 15 Minuten erreichbar. 


In Amritsar herrscht das übliche, absolute Verkehrschaos. Fußgänger, Mopedfahrer, Fahrradrikscha's, Pferdefuhrwerke, Pkw's, Lkw's, Tuk Tuk's, nicht zu vergessen Kühe und Hunde teilen sich den Verkehrsraum und sorgen dafür, dass es nicht langweilig wird auf Amritsar's Straßen. Ein ständiges Hupkonzert sorgt für die akustische Untermalung. Indische Hupen sind lauter als deutsche - viel lauter.


Amritsar liegt im nordindischen Bundesstaat Punjab, wo die Mehrheit der Bewohner dem Sikhismus angehören. Ein Erkennungszeichen der Sikhs ist ihr Turban.


Inzwischen sind wir in der Altstadt angekommen, wo unser Hotel liegt. Dort angekommen, ruhen wir uns erst Mal ein wenig aus und verlassen erst wieder gegen 20:00 Uhr das Hotel.


Bereits nach einer viertel Stunde stehen wir vor dem Harmandir Sahib, auch Goldener Tempel genannt. Bevor man den Tempel betritt, zieht man die Schuhe aus und gibt sie in einem dafür vorgesehenen Aufbewahrungsraum ab.  Der Tempel darf nur mit Kopfbedeckung, ohne Schuhe und mit gewaschenen Füßen betreten werden. Deshalb läuft man vor dem Eingangstor mit nackten Füßen durch ein Wasserbad. 


Ein Blick auf die Tempelanlage genügt um uns in ehrfürchtiges Staunen zu versetzen. 


Dieser Tempel ist die heiligste Stätte der Sikhs. Er ist über und über mit mit Blattgold belegt. Durch die nächtliche Beleuchtung erstrahlt er in einer unvorstellbaren Pracht. Im Inneren wird das Buch "Guru Granth Sahib" aufbewahrt. Um das Buch herum haben sich Männer versammelt, die gesangsartig Mantren zitieren. Diese Gesänge werden musikalisch untermalt und sind über Lautsprecher auf dem ganzen Gelände zu hören. 


Der junge Mann auf dem Foto stellt sich uns als Vinny vor. Wie viele andere Sikhs ist er heute im Tempel um freiwilligen Dienst zu leisten. Seit einem halbem Jahr lernt er Deutsch im Selbststudium und freut sich, mit uns deutsch zu sprechen. Wirklich erstaunlich wie gut er bereits jetzt die für ihn schwierige Fremdsprache beherrscht. Wir erfahren, dass er einen Studienplatz in Berlin bekommen, und ein Visum für Deutschland beantragt hat. 


Vinny bietet sich höflich als unser Guide an und führt uns schnellen Schrittes durch die wichtigsten Stationen des Tempels. Hier befinden wir uns im Speisesaal. Den ganzen Tag über bietet die Küche ca. 80.000 Besuchern kostenlose Mahlzeiten an. An Feiertagen können es auch gerne einmal mehr sein. Alle Lebensmittel sind Spenden. Die Arbeiten werden von Freiwilligen geleistet. 


Traditionell sind die Sikhs an ihrem ungeschnittenen Haar, einem Turban sowie einer Schärpe mit Schwert oder Dolch erkennbar. Wir erleben sie äußerst offen. Sie plaudern gerne mit einem und lassen sich ebenso gerne fotografieren. 


Die Mahlzeiten sind vegetarisch, da es den Sikhs nicht erlaubt ist Fleisch zu essen. Meistens gibt es Daal aus Linsen, Chapatti (Brot), Gemüsecurry und Reis. Die beiden Freiwilligen auf dem Foto gehen durch die Menschenreihen und verteilen Nachschlag, falls gewünscht. 


Hier befindet sich der Küchenherd, wenn man das so sagen darf. Es gibt noch einen zweiten, der mit Gas betrieben wird. Küche und Speiseraum schaffen es, in 15-20 Minuten, über 3000 Pilger zu versorgen. 


Jeder dieser Töpfe fasst ca. 2000 Portionen. 


Vinny führt uns weiter nach oben, in die Bäckerei, wo zwei Maschinen  stehen, die jeweils 5000 Chapattis (Brote) pro Stunde herstellen können. Anschließend geht es zum Dach, von wo wir diese grandiose Aussicht auf den Goldenen Tempel haben. Jetzt ist die Zeit günstig für den Einlass in das Innere des goldenen Tempels. Tagsüber muss man mit mehreren Stunden Wartezeit rechnen. Ohne anzustehen führt uns Vinny geschwind zum Eingang und wir dürfen die beiden Stockwerke des Goldenen Tempels bewundern. Leider besteht hier absolutes Fotografierverbot. 


Unser Kopf ist angefüllt mit neuen Eindrücken und der Bewunderung für die Gastfreundschaft und Offenheit der Sikhs. Spät abends verlassen wir die Anlage durch dieses Tor. Zum Ausklang des Tages suchen wir gemeinsam mit Vinny ein Restaurant in der Nähe auf, wo wir etwas essen und noch ein wenig entspannt mit ihm plaudern können. Das war ein unvergesslicher Tag.